„Kalkschulter“ – Alter, Abnutzung oder Problem?

Die sogenannte „Kalkschulter“, auch bekannt als Tendinosis calcarea kann zu erheblichen Schmerzen und Bewegungseinschränkungen führen, wenn sie unbehandelt bleibt. (1)

In diesem Blog-Eintrag erfährst du mehr über die Ursachen, Symptome und moderne Behandlungszugänge, die dir helfen können, wieder schmerzfrei und aktiv zu werden.

 

Symptome einer „Kalkschulter“

Die Symptome einer Kalkschulter können sehr unterschiedlich sein und reichen von leichten Beschwerden bis hin zu starken Schmerzen. Typische Anzeichen sind:

  • Schmerzen im Schulterbereich: Diese treten häufig plötzlich und ohne erkennbaren Auslöser auf. Besonders nachts oder bei bestimmten Bewegungen, wie dem Heben des Arms, können die Schmerzen stark sein.

  • Bewegungseinschränkungen: Die Beweglichkeit der Schulter kann durch die Schmerzen stark eingeschränkt sein. Häufig fällt es Betroffenen schwer, den Arm über den Kopf zu heben.

  • Druckempfindlichkeit: Die Schulter kann auf Druck schmerzhaft reagieren, insbesondere in bestimmten Bereichen. Dadurch fällt es manchen Menschen schwer, auf der betroffenen Seite zu liegen oder zu schlafen.

 

Was ist eine „Kalkschulter“?

Bei einer „Kalkschulter“ handelt es sich um eine Ablagerung von Kalziumkristallen in den Sehnen der Rotatorenmanschette, also jener Muskelgruppe, die für die Stabilität und Beweglichkeit des Schultergelenks verantwortlich ist. Am häufigsten betroffen ist die Supraspinatus-Sehne, die oberhalb des Schultergelenks verläuft. (2)

Aber wie entstehen diese Kalkablagerungen? Viele Patient:innen kommen zu mir in meine Praxis mit einem völlig falschen oder veralteten Bild.

Früher wurde die Theorie vertreten, dass sich mit dem Alter einfach die Sehnen der Rotatorenmanschette abnutzen, porös und dünn werden und sich dadurch Kalk in den Mikro-Rissen der Sehnen bildet. Das erklärt allerdings nicht, warum sich Kalkablagerungen auch wieder zurückziehen können und schrumpfen bzw. aufhören, sich auszuweiten – mit höherem Alter sollten die Sehnen je weiter „abnutzen“ und sich immer mehr Kalk ablagern? (2)  

Das tut es aber nicht! „Kalkschultern“ und die damit verbundenen Ablagerungen durchlaufen nämlich 3 Phasen. Die vor-Kalk-Phase, in der sich die Zelltypen in der Sehne verändern (Sehnenzellen bauen sich zu Knorpelzellen um), die Kalk-Phase, in der die neuen Zellen Kalziumkristalle produzieren und die nach-Kalk-Phase, in der das körpereigene Immunsystem diese Kalziumkristalle wieder abbaut. In der nach-Kalk-Phase entsteht der eigentliche Schmerz bei „Kalkschultern“. (2, 5) Durch das Aktivieren des Immunsystems kommt es zu einer chemischen Reizung, Entzündung und Schwellung der Schleimbeutel und anderer wichtiger Strukturen im Schultergelenk, welche diesen Schmerz provozieren – die Kalziumkristalle selbst lösen also nicht den Schmerz durch Reibung aus, sondern die Strukturen rundherum werden mit Entzündungsstoffen gereizt. (2, 5)

 

Warum entsteht eine „Kalkschulter“?

Die genauen Ursachen der „Kalkschulter“ und der zugrundeliegenden Umbau von Sehnenzellen zu Knorpelzellen sind noch Gegenstand der Forschung, aber es gibt einige bekannte Risikofaktoren:

  1. Frauen sind häufiger betroffen (3)

  2. Erhöhte Blutfettwerte (3)

  3. Diabetes Mellitus (3)

  4. Schilddrüsenunterfunktion (3)

  5. Verletzungen der Rotatorenmanschette zeigen keinen Zusammenhang mit einer „Kalkschulter“! Personen mit Einrissen oder Rissen einer Sehne der Rotatorenmanschette entwickeln eine „Kalkschulter“ genau so häufig wie Personen, ohne Risse oder Einrisse dieser Sehnen. (4)

 

Möglicherweise gibt es noch mehr Faktoren, die das Auftreten einer „Kalkschulter“ begünstigen, diese konnten mit Studien allerdings noch nicht belegt werden.

 

Behandlungsablauf

2022 hat sich eine qualitativ hochwertige Studie mit den Ergebnissen anderer, vorhergehender Studien beschäftigt und die Daten zusammengefasst. Die Forschendengruppe konnte durch die Auswertung der Daten folgenden Behandlungsablauf für „Kalkschultern“ aufstellen, der als wissenschaftlicher Leitfaden gelten kann. (5)

Dieser Behandlungsablauf sollte unbedingt unter ärztlicher Beobachtung und mit physiotherapeutischer Mithilfe durchgeführt werden. 

Mod. übernommen aus: Catapano, M., Robinson, D. M., Schowalter, S., & McInnis, K. C. (2022). Clinical evaluation and management of calcific tendinopathy: an evidence-based review. Journal of osteopathic medicine122(3), 141–151. https://doi.org/10.1515/jom-2021-0213

Fazit

Die „Kalkschulter“ kann für Betroffene sehr schmerzhaft und einschränkend sein. Es ist jedoch beruhigend zu wissen, dass es verschiedene effektive Behandlungsmöglichkeiten gibt, die individuell auf deine Situation abgestimmt werden können. Als Physiotherapeut empfehle ich dir, rechtzeitig ärztliche und physiotherapeutische Hilfe zu suchen, da durch eine rechtzeitige Diagnose und gezielte Therapie, sich die Symptome deutlich einfacher und rascher verbessern lassen.

 

 

 

1.    Sperr, A., Erber, B., Horng, A., & Glaser, C. (2024). Tendinosis calcarea [Calcific tendinitis]. Radiologie (Heidelberg, Germany), 64(2), 125–133. https://doi.org/10.1007/s00117-023-01218-4

2.    Kim, M. S., Kim, I. W., Lee, S., & Shin, S. J. (2020). Diagnosis and treatment of calcific tendinitis of the shoulder. Clinics in shoulder and elbow23(4), 210–216. https://doi.org/10.5397/cise.2020.00318

3.    Dong, S., Li, J., Zhao, H., Zheng, Y., Chen, Y., Shen, J., Yang, H., & Zhu, J. (2022). Risk Factor Analysis for Predicting the Onset of Rotator Cuff Calcific Tendinitis Based on Artificial Intelligence. Computational intelligence and neuroscience2022, 8978878. https://doi.org/10.1155/2022/8978878 (Retraction published Comput Intell Neurosci. 2023 Nov 29;2023:9847082. doi: 10.1155/2023/9847082)

4.    Yu, X. K., Li, J., Zhang, L., Li, L., Li, J. X., & Guo, W. B. (2022). Magnetic resonance imaging evaluation of the correlation between calcific tendinitis and rotator cuff injury. BMC medical imaging22(1), 24. https://doi.org/10.1186/s12880-022-00746-0

5.    Catapano, M., Robinson, D. M., Schowalter, S., & McInnis, K. C. (2022). Clinical evaluation and management of calcific tendinopathy: an evidence-based review. Journal of osteopathic medicine122(3), 141–151. https://doi.org/10.1515/jom-2021-0213

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