Bandscheibenvorfälle unter der wissenschaftlichen Lupe – was sind die neuesten Erkenntnisse?

Bandscheibenvorfälle können eine mögliche Ursache von Rückenschmerzen sein – aber nicht immer! Als Physiotherapeut begegne ich täglich Menschen, die mit einer Diagnose „Bandscheibenvorfall“ zu mir in die Praxis kommen und am Boden zerstört sind. Was Bandscheibenvorfälle verursacht und warum Bandscheibenverletzungen vielleicht doch nicht die letzte Diagnose vor dem absoluten Verlust der Lebensqualität sind, erfährst du in den nächsten Zeilen.

 

Was passiert bei einem Bandscheibenvorfall? 

Bandscheiben bestehen aus einem äußeren Faserring (Annulus fibrosus) und einem weichen Kern (Nucleus pulposus). Mit zunehmendem Alter und durch Belastungen können die Bandscheiben an Elastizität und Höhe verlieren. Diese Veränderungen beginnen oft schon in jungen Jahren. Der weiche Kern im Inneren der Bandscheibe verliert seine Zellen, die für die Regeneration wichtig sind. Dadurch verringert sich die Fähigkeit der Bandscheibe, sich selbst zu reparieren. (1)

 

  • Übliche Veränderungen der Struktur der Bandscheibe

Während der Degeneration nimmt der Anteil an wichtigen Bausteinen wie Proteoglykanen (die für die Feuchtigkeit in der Bandscheibe sorgen) ab. Dies führt dazu, dass die Bandscheibe weniger Flüssigkeit anziehen kann und an Elastizität verliert. Außerdem wird das Kollagen in der Bandscheibe umgebaut: Das elastische Typ-II-Kollagen nimmt ab, während das festere Typ-I-Kollagen zunimmt, was die Bandscheibe steifer und weniger flexibel macht. (1) Diese Veränderungen sind nicht mit Schmerzen assoziiert und sind normale Veränderungen der Wirbelsäule bzw. Bandscheiben. (2)

  • Verletzungen, Entzündungen und Schmerzursachen

Ohne entsprechende Belastung der Bandscheiben bzw. der Wirbelsäule können im äußeren Faserring Risse entstehen, und die Bandscheibe verliert an Stabilität. Diese strukturellen Veränderungen können zu Bandscheibenvorwölbungen (nur ein kleinerer Einriss des äußeren Faserringes) oder Bandscheibenvorfällen (Risse des Faserringes an einer Stelle) führen. (1)

Durch die Verletzungen können Entzündungsstoffe in die Bandscheibe eindringen. Diese Stoffe, wie z.B. Zytokine, fördern die Entzündung und den weiteren Abbau der Bandscheibe. Zusätzlich regen sie das Wachstum von Nervenfasern in die normalerweise nervenfreie Bandscheibe an. Diese Nervenfasern können Schmerzsignale aussenden, was zu Rückenschmerzen führen kann.

In fortgeschrittenen Stadien der Degeneration kann durch das Vorwölben einer Bandscheibenverletzung auch Druck auf eine Nervenwurzel entstehen, was ausstrahlende Schmerzen verursachen kann. (1)

Verletzungen des äußeren Faserringes, durch die Entzündungsstoffe eindringen können, können Schmerzen auslösen – allerdings braucht es deutlich mehrere Faktoren, um einen Rückenschmerz auszulösen. (2)

 

Häufigkeit von Bandscheibenvorfällen

Eine Studie aus 2015 (2) hat die Wirbelsäulen von 3110 Menschen ohne Rückenschmerzen untersucht und die Ergebnisse in Altersgruppen aufgeteilt. Zu folgenden Resultaten ist die Studie gekommen:

Mod. übernommen aus: Brinjikji, W., Luetmer, P. H., Comstock, B., Bresnahan, B. W., Chen, L. E., Deyo, R. A., Halabi, S., Turner, J. A., Avins, A. L., James, K., Wald, J. T., Kallmes, D. F., & Jarvik, J. G. (2015). Systematic literature review of imaging features of spinal degeneration in asymptomatic populations. AJNR. American journal of neuroradiology, 36(4), 811–816. https://doi.org/10.3174/ajnr.A4173

 

Wenn also so viele Menschen ohne Rückenbeschwerden Bandscheibenverletzungen aufweisen, können Bandscheibenverletzungen nicht zwangsläufig der ultimative Auslöser von Rückenschmerzen sein – trotz Verletzung des äußeren Faserringes und einem möglichen Eintreten von Entzündungsstoffen. Wichtiger ist es also herauszufinden, welche Faktoren noch ausschlaggebend sind, die Personen mit Bandscheibenvorfällen und ohne Schmerzen von denen unterscheiden, die Bandscheibenvorfälle und Schmerzen haben.

 

Hoffnung für Bandscheibenvorfälle

Untersuchung zeigen, dass sich Bandscheibenverletzungen sehr gut wieder zurückbilden können. 41% der Bandscheibenvorfälle und 13% der Bandscheibenvorwölbungen verbessern sich nach Physiotherapie – je größer die Bandscheibenverletzung im Vorfeld war, umso wahrscheinlicher die Verkleinerung der Verletzung danach! (3)

 

Solltest du also gerade von Jemandem gesagt bekommen haben, dass du einen Bandscheibenvorfall hast, dann nimm es leichter. Bandscheibenvorfälle kommen vor und können Schmerzen auslösen. Allerdings können viele andere Faktoren an deinen Problemen teilhaben (sofern du überhaupt Probleme hast). Und auch wenn du einen Bandscheibenvorfall hast, stehen die Chancen sehr gut, die Verletzung in den Griff zu bekommen und zu verkleinern!

 

1.    Mohd Isa, I. L., Teoh, S. L., Mohd Nor, N. H., & Mokhtar, S. A. (2022). Discogenic Low Back Pain: Anatomy, Pathophysiology and Treatments of Intervertebral Disc Degeneration. International journal of molecular sciences24(1), 208. https://doi.org/10.3390/ijms24010208

 

2.    Brinjikji, W., Luetmer, P. H., Comstock, B., Bresnahan, B. W., Chen, L. E., Deyo, R. A., Halabi, S., Turner, J. A., Avins, A. L., James, K., Wald, J. T., Kallmes, D. F., & Jarvik, J. G. (2015). Systematic literature review of imaging features of spinal degeneration in asymptomatic populations. AJNR. American journal of neuroradiology36(4), 811–816. https://doi.org/10.3174/ajnr.A4173

 

3.    Chiu, C. C., Chuang, T. Y., Chang, K. H., Wu, C. H., Lin, P. W., & Hsu, W. Y. (2015). The probability of spontaneous regression of lumbar herniated disc: a systematic review. Clinical rehabilitation, 29(2), 184–195. https://doi.org/10.1177/0269215514540919

 

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