Halb so schlimm oder Sportverbot auf unbestimmte Zeit? Der richtige Umgang mit Knochenmarködemen

Ob als Begleitdiagnose zu anderen Verletzungen (wie z.B. Bänderrissen) oder als unabhängige Diagnose – Knochenmarködeme werfen häufig Fragen auf, die von verschiedenen Stellen teilweise komplett gegensätzlich beantwortet werden.

In der Praxis begegnen mir ständig Patienten und Patientinnen, die von Fachpersonen gesagt bekommen haben, dass sie:

  • entweder gar keinen Sport/Bewegung mehr machen sollen (meistens auch nicht mit der Info, wann Bewegung und Sport wieder möglich sein wird)

  • oder sie absolut keine Rücksicht auf das Knochenmarködem nehmen müssen und alles weiter wie gehabt belasten können.


Aber was stimmt denn nun? Und in welchen Fällen trifft was zu? In den nächsten Zeilen versuche ich, die wissenschaftliche Herangehensweise herunterzubrechen und meinen Zugang zu Knochenmarködemen aufzuzeigen, damit sich der Nebel über diesem Thema ein bisschen lichtet.

 

Was ist ein Knochenmarködem?

Ein Knochenmarködem (KMÖ) bezeichnet eine Ansammlung von Flüssigkeit im Knochenmark, die in bildgebenden Verfahren wie der Magnetresonanztomographie (MRT) sichtbar wird. Durch die Flüssigkeitsansammlung im Knochenmark, kann es zu einer Druckerhöhung im Knochen kommen, welche sensible Nerven reizen kann, was zu Schmerzen führt. Der Knochenstoffwechsel wird durch die Flüssigkeitsansammlung ebenfalls gestört, wodurch es zu einem schnelleren Abbau der Knochendichte im Bereich des KMÖ kommt. Langfristig kann dieser Bereich anfälliger für Mikrofrakturen (= kleine Brüche des Knochens) sein. (1)

Somit ist ein Knochenmarködem auf jeden Fall ernstzunehmen, weil es:

1.    Schmerzen verursachen kann (durch die Reizung von Nerven)

2.    Die Knochendichte reduzieren kann (durch die Störung des Knochenstoffwechsels)

3.    Zu schnelleren Neuverletzungen führen kann (durch die reduzierte Knochendichte)

Wodurch entstehen Knochenmarködeme?

Knochenmarködeme können prinzipiell in 3 Hauptgruppen je nach Ursache eingeteilt werden (2):

1.    Ischämische KMÖ (= durch Durchblutungsstörungen ausgelöst)

2.    Mechanische KMÖ (= durch Druck-/Schlagbelastungen entstanden; Bone Bruise)

3.    Reaktive KMÖ (= nach Operationen oder bei Arthritis)

Übernommen aus: Hofmann, S., Kramer, J., Vakil-Adli, A., Aigner, N., & Breitenseher, M. (2004).
Painful bone marrow edema of the knee: differential diagnosis and therapeutic concepts. The
Orthopedic clinics of North America
35(3), 321–ix. https://doi.org/10.1016/j.ocl.2004.04.005

Wie kann ein Knochenmarködem behandelt werden?

Bei ischämischen KMÖ, ist das Ziel, die Durchblutungsstörung aufzuheben. Das kann durch Medikamente erzielt werden, die die Knochendurchblutung fördern. Während der Phase, bei der das KMÖ Schmerzen verursacht, ist es sinnvoll, den betroffenen Bereich zu entlasten. In akuten Phasen können operative Anbohrungen des Knochens (Dekompressionen) helfen, die Flüssigkeitsansammlungen zu verschieben, damit der Druck im Knochen sinkt, was die Nerven entlastet und zu einem geringeren Schmerz führt. Diese Anbohrungen reduzieren allerdings nur den Schmerz und lösen bei den ischämischen KMÖ nicht die Ursache der Ödeme (2).

Beim ischämischen KMÖ hilft eine Einnahme von Schmerzmitteln (NSAR) nur bedingt – vor allem nächtliche Schmerzen werden nur sehr gering durch die Schmerzmittel beeinflusst (2).

 

Bei mechanischen KMÖ kommt es zu einer (meistens traumatischen) Verletzung des Knochens und somit zu einer Bildung von Flüssigkeit im Knochenmark. Das Ziel ist, die Heilungszeit des verletzten Knochens abzuwarten und während dieser Heilungszeit – die meistens ca. 6 Wochen dauert – den betroffenen Bereich zu entlasten. Nach der Heilung des Knochens bzw. nach diesen 6 Wochen bietet es sich hier an, ein Kontroll-MRT zu machen. Wird am Kontroll-MRT sichtbar, dass das KMÖ abklingt und der Knochen geheilt ist, kann in der Regel wieder mit der Belastung und dem Sport begonnen werden (2).

Bei mechanischen KMÖ kann die Einnahme von Schmerzmitteln (NSAR) die Schmerzen reduzieren und die Einnahme dieser Schmerzmittel sinnvoll sein (2).

 

Bei reaktiven KMÖ nach Operationen oder Arthritis-Schüben ist das KMÖ meistens ein Begleitbefund und ist nicht das „Hauptproblem“. Reaktive KMÖ verzögern bzw. beeinflussen also nicht das Vorgehen – es kann sich voll und ganz auf die Behandlung des „Hauptproblems“ fokussiert werden (2).

 

Wie hilft Physiotherapie bei einem Knochenmarködem?

Physiotherapie kann unterstützend in den Heilungsphasen helfen. So kann die Dauer der Heilungs verkürzt und die Intensität der Probleme und Schmerzen reduziert werden. 

  • Schmerzlinderung: Durch gezielte Techniken wie manuelle Therapie und Massagen können Schmerzen reduziert werden. Je nach Ursache des KMÖ und Intensität der Schmerzen sieht diese Behandlung anders aus.

  • Förderung der Beweglichkeit: Ein KMÖ geht oft mit einer Bewegungseinschränkung im betroffenen Gelenk einher. Physiotherapeutische Übungen, die speziell auf die Wiederherstellung der Beweglichkeit abzielen, sind entscheidend, um die normale Gelenkfunktion zurückzugewinnen und eine chronische Bewegungseinschränkung zu vermeiden.

  • Stärkung der Muskulatur: Ein gezieltes Muskelaufbautraining ist besonders wichtig, da die Muskulatur das Gelenk stützt und vor weiterer Belastung schützt. Dies kann durch gezielte Kräftigungsübungen und stabilisierende Maßnahmen erfolgen, die auf das betroffene Gelenk ausgerichtet sind.

  • Wiedereinstieg in den Alltag oder Sport: Um mit möglichst geringem Risiko wieder voll in den Alltag oder den Sport einsteigen zu können, kann ein gemeinsamer Zeit- und Belastungsplan erstellt werden, damit der betroffene Bereich Schritt für Schritt wieder an Belastung herangeführt wird.

 

Fazit

Hol dir Hilfe!

Ein Knochenmarksödem ist eine schmerzhafte, komplexe und oft langwierige Erkrankung, die mit der richtigen Behandlung und Therapie gut kontrolliert werden kann. Wenn du an einem Knochenmarksödem leidest, ist es wichtig, frühzeitig professionelle ärztliche und therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, um die Heilung zu fördern und Folgeprobleme zu vermeiden.

Um also noch einmal auf die Frage zu Beginn einzugehen:

Ja, es ist wichtig, den betroffenen Bereich zu entlasten - aber nur solange die ursprünglichen Probleme behandelt werden. Sobald die Durchblutungssituation und Knochenheilung wiederhergestellt sind, kannst du wieder gezielt mit der Belastung beginnen.

 

 

1.    Tarantino, U., Greggi, C., Cariati, I., Caldora, P., Capanna, R., Capone, A., Civinini, R., Colagrande, S., De Biase, P., Falez, F., Iolascon, G., Maraghelli, D., Masi, L., Cerinic, M. M., Sessa, G., & Brandi, M. L. (2022). Bone Marrow Edema: Overview of Etiology and Treatment Strategies. The Journal of bone and joint surgery. American volume104(2), 189–200. https://doi.org/10.2106/JBJS.21.00300

 

2.    Hofmann, S., Kramer, J., Vakil-Adli, A., Aigner, N., & Breitenseher, M. (2004). Painful bone marrow edema of the knee: differential diagnosis and therapeutic concepts. The Orthopedic clinics of North America35(3), 321–ix. https://doi.org/10.1016/j.ocl.2004.04.005

 

 

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